Allgemein, Kultur

Autorenlesung mit Stefan Gemmel am Stiftsgymnasium

von Constanze Spengler

Woher hat ein Autor seine Ideen für seine Bücher? Wie veröffentlicht man ein Buch? Wie lange zeichnet und malt die Illustratorin oder der Illustrator am Titelbild eines Buches? Wie viel bekommt ein Autor von den Einnahmen eines Buches? Und wieso haben letzte Woche Kinder, Jugendliche und Erwachsene auf Bobbycars einer Lesung von Stefan Gemmel zugehört?


All diese und noch viel mehr Fragen konnten die Schülerinnen und Schüler der 5. Klassen des Stiftsgymnasiums Sindelfingen am Montag, den 12.07.2021 dem Autor und Vorlesekünstler Stefan Gemmel stellen, der sich eigens aus dem rheinland-pfälzischen Morbach bei Trier auf den Weg nach Sindelfingen gemacht hatte, um dort zusammen mit den Schülerinnen und Schülern in die Welt seiner spannenden, gruseligen und lustigen Geschichten einzutauchen. Denn wenn Stefan Gemmel vorträgt, dann liest er nicht bloß, er hüpft, schreit, lispelt, zieht Grimassen, fuchtelt wild herum und lässt so die Figuren seiner Geschichten buchstäblich vor den Augen und Ohren der Zuhörer Gestalt annehmen. Schallendes Gelächter und aufgeregte Zwischenrufe zeugen davon, dass das Publikum Stefan Gemmel gefolgt ist – nämlich mitten in der Geschichte hinein.
„Das war viiiiel besser als Unterricht“, lautet das zufriedene Urteil eines Schülers der Klasse 5c. – „Das Buch muss ich haben! Kann man das kaufen?“, fragt ein Mädchen aus der 5d. „Ja, in jeder Buchhandlung“, lautet Gemmels Antwort, „und am besten auch wirklich in der Buchhandlung. Wir sollten die Buchhändler in unserem Ort unterstützen. Sonst sind sie bald nicht mehr da und können uns nicht mehr beraten“. – Stefan Gemmel ist vierfacher Lese-Weltrekordler – siehe hierzu auch weiter unten – hat aber bei allen groß angelegten medienwirksamen Höhenflügen die Bodenhaftung nicht verloren.
Stefan Gemmel las für das Stiftgymnasium aus seinem Buch „Mumienwächter“ (für die Klassen 5b und 5c) und aus „Lucas und der Zauberschatten“ (für die Klassen 5a und 5d).
Und was ist mit den eingangs gestellten Fragen? Hier sind die Antworten Stefan Gemmels:
Schüler: Stefan, woher hast du deine Ideen für deine Bücher?
Stefan Gemmel: „Also erst einmal: Oft sind die ersten Einfälle nicht die besten. Wenn ihr einen Aufsatz schreiben müsst: Notiert euch den ersten Einfall, aber nehmt ihn nicht! Denn den ersten Einfall bekommt euer Lehrer/ eure Lehrerin noch einige Male von anderen zu lesen. – Woher die Einfälle kommen, das kann ich meistens gar nicht sagen. Ich wache morgens auf – und da ist sie – eine Figur oder die Idee zu einer Geschichte. Und ich kann mir nicht erklären, wo die hergekommen ist – ob ich z. B. am Tag vorher etwas gelesen habe, was die Idee ausgelöst hat. – Bei ‚Im Zeichen der Zauberkugel‘ weiß ich es jedoch: Die Grundidee zur dieser Geschichte, in der Sahli auf dem Heuboden seiner Oma die Zauberkugel entdeckt, hat ihren Ursprung in einer Erinnerung. Wenn meine Brüder und ich als Kinder die Ferien bei der Oma auf dem Bauernhof verbrachten, hatte sie uns strikt verboten, auf den Heuboden im Stall hinaufzuklettern. Schon damals kam mir der Gedanke, dass Oma dort auf dem Heuboden vielleicht etwas ganz Geheimnisvolles aufbewahrt.“
Schülerin: Wie veröffentlicht man ein Buch?
Stefan Gemmel: „Das ist nicht so einfach. Man schickt das Manuskript – also den getippten Text – nicht zu einem, sondern gleich zu ganz vielen Verlagen, sagen wir zu 20. Dabei muss man sich genau überlegen, ob die Geschichte zu dem, was der Verlag sonst so veröffentlicht, passt. Es macht keinen Sinn, einen Krimi einem Verlag zu schicken, der sonst Einhorn-Geschichten veröffentlicht. Außerdem sendet man nicht den ganzen Text ein, sondern nur die ersten 10 oder 12 Seiten. Und dann wartet man erst einmal ein paar Wochen, das kann richtig dauern. Wenn man Glück hat, bekommt man eine Antwort von einem der 20 Verlage. Und nur wenn man sehr, sehr, sehr viel Glück hat, ist die Antwort eine Zusage. Dann schickt man das gesamte Manuskript hin und der Lektor des Verlags liest erst einmal, verbessert Rechtschreibefehler und so weiter, und schlägt eventuell noch inhaltliche Veränderungen vor. So beginnt der lange Weg zur Veröffentlichung…“
Schüler: Wer entscheidet, wer ein Buch illustriert? Und wie lange zeichnet und malt die Illustratorin oder der Illustrator am Titelbild eines Buches?
Stefan Gemmel: „Illustratoren werden vom Verlag angefragt. Und jeder Illustrator hat seinen persönlichen Stil, der zu ganz bestimmten Sorten von Geschichten passt. Timo Grubing ist ein Illustrator, der hervorragend abenteuerliche Bücher illustrieren kann – und deshalb wurde er vom „Baumhaus-Verlag“ für „Lucas und der Zauberschatten“ ausgewählt. Timo entwickelt erst einmal eine ganz einfache Skizze, auf der er ganz grob festlegt, welche Figuren und Gegenstände auf dem Titelbild zu sehen sein sollen. Das sind erst einmal nicht viel mehr als Strichmännchen. Dann probiert er in mehreren Skizzen aus, wo sich welche Figur/ welcher Gegenstand befinden soll, was im Vordergrund und was im Hintergrund zu sehen sein soll, wo helle Bereiche und wo dunkle Bereiche sein sollen. Er zeichnet das Bild erst schwarz-weiß und nimmt immer wieder Veränderungen vor. Dann beginnt er, die Figuren genauer zu entwickeln und sie bunt zu malen. Nun werden auch die Farben für den Hintergrund gewählt. Schließlich werden Schatten und Licht so hinzugefügt, dass eine passende Stimmung geschaffen wird. Und immer und immer wieder zeichnet Timo neue Entwürfe, bis er zufrieden ist. Erst, wenn der ganze Entwurf steht, arbeitet Timo das fertige Titelbild aus. Am Titelbild von „Lucas und der Zauberschatten“ hat Timo zehn Tage gearbeitet, bis es so war, wie ihr es auf dem fertigen Buch seht.“
Schülerin: Wie viel bekommt ein Autor von den Einnahmen eines Buches?
Stefan Gemmel: „Von einem Buch, das im Laden 7 € kostet, erhalten der Autor und Illustrator gemeinsam 10%, sie teilen sich also in unserem Beispiel 70 ct Honorar (auch „Tantiemen“ genannt). Aber davon müssen sie noch einen Teil an das Finanzamt zahlen. Die restlichen 90 % der Einnahmen gehen an den Verlag, die Druckerei, die Lieferfirma, den Buchladen und so weiter. Um also von der Schriftstellerei leben zu können, muss man sehr viele Bücher verkaufen. Da das nur wenige Autorinnen und Autoren schaffen, haben die meisten einen zweiten Beruf. Oder sie verdienen zusätzliches Geld mit Lesungen, so wie ich.“
Schüler: Wieso haben neulich Kinder, Jugendliche und Erwachsene auf Bobbycars einer Lesung von Stefan Gemmel zugehört?
Stefan Gemmel: „Das war mein vierter Lese-Weltrekord – der war erst letzte Woche – und zwar sollte die Veranstaltung eine Belohnung für die Kinder in meinem Heimatort, Morbach im Hunsrück sein. Die Kids haben – wie ihr hier auch – so lange die Corona-Maßnahmen einhalten müssen, sie durften nicht ins Kino, nicht zum Sport, Geburtstage durften auch nur in kleiner Runde gefeiert werden. Da wollte ich was ganz Besonderes veranstalten und hatte die Idee zu einer Lesung wie in einem Autokino. Doch im Auto sehen Kinder nicht so viel. Und da kam mir der Einfall mit den Bobby-Cars. Jedes Kind – und auch viele Erwachsene – kamen mit ihren Kinderfahrzeugen und Kettcars und ich habe aus „Im Zeichen der Zauberkugel“ gelesen. 250 war die Zahl, die wir für einen Weltrekord erreichen mussten, 382 haben wir geschafft! Das Rekordinstitut für Deutschland, vertreten durch Herrn Kuchenbecker, hatte alle Kinder mit ihren Bobbycars genau gezählt.“