Am Abend des 10. Juli 2025 besuchten mehr als 100 Schüler*innen des Stiftsgymnasiums die Vor-Premiere des Stücks „Äbtissin oder Magd“ auf dem Marktplatz in Böblingen. Das besondere Format des Stückes zog sogar die Aufmerksamkeit des SWRs auf sich.
Das Theaterstück „Äbtissin oder Magd“ – aufgeführt vom DAT-Theater der Kunstschule Böblingen – spielte eine Episode, wie sie anfangs des 16. Jahrhunderts kurz vor dem Bauernkrieg hätte stattgefunden haben können.
Im Mittelpunkt des Stücks standen die Magd Margarete und die Äbtissin Christina. Die Magd und mit ihr all die Bauern waren damals unterdrückt, zum harten Arbeiten und hohen Abgaben verpflichtet. Dieser Opferrolle wollten sie endlich entfliehen. Als dann auch noch einem Müller aus ihren Reihen vorgeworfen wurde, eine Mühle in Brand gesteckt zu haben, wehrten sich die Bauern in ihrer Not. Doch auch die Nonnen und die Äbtissin hatten ihre Probleme: Die Klöster mussten ebenfalls Abgaben leisten, zwischen Bauern und Vögten vermitteln und für Frieden sorgen. Nicht leicht in einer Zeit, die von Hungersnot, Aufständen und Gewaltbereitschaft der Bauern wie Vögte geprägt war.
Die Bauern leisteten im Verlaufe des Stücks gegen die wirtschaftlichen, sozialen und religiösen Ungerechtigkeiten immer mehr Widerstand. So forderten sie zum Beispiel das Ende der Leibeigenschaft und der viel zu hohen Abgaben. Zudem Holzschlag und Fischfang für jeden. Durch die Reformation wussten sie auch, dass von dieser „gottgewollten Ordnung“, wie sie bis dahin genannt wurde, in der Bibel gar nicht die Rede ist. So wurden die bekannten „12 Artikel“ verfasst, die eine der ersten niedergeschriebenen Freiheits- und Menschenrechte sind.

Unsere Rechte heute erscheinen uns oft selbstverständlich. Doch das Theaterstück hat gezeigt, dass unsere Prinzipien von Gleichheit und die schon die Bauern vor einem halben Jahrtausend gefordert haben, sich heute in ähnlicher Form in der Charta der Menschenrechte von 1948 wiederfinden. In der Schlussszene des Theaterstücks wurde das noch einmal deutlich, als alle Figuren am Ende jeweils ein Recht hervorgehoben haben, das wir heute genießen.

Das Besondere an dem Stück war, dass das Publikum über den weiteren Verlauf der Geschichte entscheiden konnte, wodurch sich insgesamt dreiunddreißig mögliche Szenen ergaben. Manche Entscheidungen wurden über die Mehrheit des Publikums per Handzeichen getroffen, bei anderen hatte jeder Besucher selbst die Wahl. So konnte man sich zum Beispiel überlegen, ob die Bauern lieber abwarten oder direkt zur Waffe greifen sollten, um Schlimmeres zu verhindern. Ebenso konnte man sich entscheiden, ob man die Sicht der Äbtissin oder der Magd weiterverfolgen wollte. So wurden die Szenen parallel auf bis zu vier Bühnen gleichzeitig gespielt. Je nach Entscheidung ging das Stück auf einer von der vier Bühnen weiter. Daher erhielt jeder Besucher einen Kopfhörer verbunden mit einem Sender mit vier verschiedenen Kanälen. Das Stück fing auf der blauen Hauptbühne an. Je nach Perspektive wechselte man dann zur gelben, grünen oder lilafarbenen Bühne.

Uns Schüler*innen gefiel das Theaterstück sehr gut. Auch wenn wir in der Schule schon einiges über den Bauernkrieg gelernt hatten, war es ein spannendes Theatererlebnis, den Verlauf der Geschichte selbst beeinflussen zu können. Nun wäre es noch interessant zu wissen, wie die einzelnen Szenen ausgegangen wären, wenn man seine Entscheidungen anders getroffen hätte.
Der etwa zweieinhalbminütige Bericht des SWR3, der am Freitagabend ausgestrahlt wurde, kann hier abgerufen werden.
Besonderen Dank gilt Frau Berenbold und der Lehrerschaft, die den Theaterbesuch geplant, organisiert und begleitet haben!
Text und Bilder: J.K. (Klasse 9)
