Im Rahmen des Bildungspasses Kultur besuchte ich die Oper „Carmen“ von Georges Bizet in der Staatsoper Stuttgart. Der Bildungspass Kultur ist ein Programm in Baden-Württemberg, das Schülerinnen und Schüler dazu motiviert, Kunst und Kultur kennenzulernen. Dabei konnten wir vier verschiedene Kulturveranstaltungen kostenlos besuchen. Vor dem Besuch wusste ich nur wenig über die Handlung der Oper. Ich war neugierig, wie eine Oper überhaupt aufgebaut ist und ob sie mir gefallen würde. Schon nach den ersten Minuten fiel mir auf, dass die Aufführung ganz anders war, als ich sie mir vorgestellt hatte. Statt einer klassischen Inszenierung mit vielen spanischen Kulissen und traditionellen Kostümen wurde die Oper modern umgesetzt. Das machte die Handlung an einigen Stellen zwar etwas schwieriger zu verstehen, gleichzeitig aber auch spannend und interessant.
Die Geschichte handelt von Carmen, einer selbstbewussten und freiheitsliebenden Frau, die ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen führen möchte und sich nicht von den Erwartungen anderer einschränken lässt. Don José verliebt sich in sie und gibt für sie sogar seinen Beruf auf. Doch Carmen möchte sich nicht an einen einzigen Mann binden und verliebt sich später in den Torero Escamillo. Don José wird immer eifersüchtiger und besessener von ihr. Am Ende kann er ihre Entscheidung nicht akzeptieren und tötet Carmen. Die Oper zeigt dadurch, wie gefährlich Eifersucht und der Wunsch nach Kontrolle werden können.
Besonders ungewöhnlich fand ich die Figur Surplus. Am Anfang wusste ich überhaupt nicht, warum diese Figur auf der Bühne war und welche Rolle sie spielte. Deshalb war ich zuerst ziemlich verwirrt. Gleichzeitig fand ich Surplus aber auch sehr witzig. Durch seine grüne Farbe, seine Mimik und seine Bewegungen musste ich oft an den Grinch denken. Dadurch wirkte die Figur für mich fast etwas komisch, obwohl sie eigentlich eine ernste Bedeutung hatte. Erst im Laufe der Aufführung verstand ich, dass Surplus die dunklen Gedanken und Gefühle von Don José darstellen sollte. Er verkörperte seine Eifersucht, seine Wut und seine innere Zerrissenheit.

Auf dem Bild sieht man Don José im weißen Tanktop und einer schwarzen Hose, Surplus im grünen Anzug sowie Carmen, die am Boden in einem silbernen Glitzerkleid liegt. Don José möchte Carmen für sich gewinnen. Sie ist jedoch eine freiheitsliebende Frau, die sich nicht an einen Mann binden möchte. Trotzdem spielt sie mit Don José, doch ihre Freiheit bedeutet ihr mehr als eine Beziehung mit ihm.
Surplus stellt die verletzte beziehungsweise enttäuschte Männlichkeit dar. Aus dem Begehren, das Don José für Carmen empfand, entwickelte sich eine Besessenheit. Als Carmen ihn zurückwies, fühlte er sich in seiner Männlichkeit verletzt. Daraus entstand ein tödlicher Hass, der schließlich dazu führte, dass er Carmen ermordete, weil er nicht akzeptieren konnte, dass sie mit einem anderen Mann zusammen sein könnte.
Obwohl ich diese Idee anfangs nicht verstanden habe, fand ich sie später sehr kreativ und passend. Ohne Surplus wäre die Inszenierung wahrscheinlich weniger besonders gewesen.
Auch die Clowns waren ein besonderes Element der Aufführung. Zuerst fragte ich mich, warum Clowns in einer Oper wie „Carmen“ auftreten. Mir wurde später klar, dass sie nicht nur für lustige Momente sorgen sollten, sondern auch eine besondere Rolle spielten. Sie machten die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fantasie verschwommen und zeigten, wie Don José immer mehr die Kontrolle über seine Gedanken verliert. Dadurch wirkte die Geschichte noch dramatischer.
Die Bühne war eher schlicht gestaltet und unterschied sich deutlich von den Bildern, die man normalerweise mit der Oper „Carmen“ verbindet. Trotzdem passte das Bühnenbild gut zur modernen Inszenierung. Auch die Kostüme waren ungewöhnlich und machten deutlich, dass die Regie die Geschichte in einem neuen Licht zeigen wollte. Dadurch konzentrierte man sich stärker auf die Gefühle der Figuren als auf die eigentliche Umgebung.
Musikalisch hat mich die Oper ebenfalls überzeugt. Mich überraschte es, dass ich manche Stücke schon gehört hatte, wie z.B. Habanera und das Torerolied. Da es meine erste Oper war, war der Gesang ungewohnt, trotzdem konnte ich gut erkennen, welche Gefühle die Figuren ausdrücken wollten. Die Sängerinnen und Sänger überzeugten sowohl mit ihren Stimmen als auch mit ihrem schauspielerischen Können. Vor allem die Darstellerin der Carmen wirkte selbstbewusst und freiheitsliebend, während Don José seine zunehmende Verzweiflung und Eifersucht glaubwürdig darstellte.
Insgesamt hat mir die Aufführung besser gefallen, als ich vorher erwartet hatte. Zwar war ich an einigen Stellen verwirrt, besonders wegen der Figur Surplus, doch gerade diese ungewöhnlichen Ideen machten die Oper interessant. Ich fand es spannend, dass die Regie versucht hat, die Gefühle der Figuren auf eine neue Weise darzustellen. Auch wenn ich nicht jede Szene sofort verstanden habe, regte die Aufführung zum Nachdenken an. Besonders die Themen Freiheit, Liebe, Eifersucht und Gewalt sind heute noch aktuell und zeigen, dass eine Oper auch nach so vielen Jahren noch eine wichtige Botschaft vermitteln kann.
Vor dem Opernbesuch dachte ich, Oper seinen eher altmodisch und vielleicht etwas langweilig. Diese Inszenierung hat mir jedoch gezeigt, dass klassische Werke auch modern und kreativ umgesetzt werden können. Obwohl ich nicht alles sofort verstanden habe, fand ich den Besuch insgesamt interessant und nehme viele neue Eindrücke mit.
Text: Preethi Prathaban (Klasse 10c)
Bild: Martin Sigmund
