Am 8. Mai, dem Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa, fand im VHS-Saal des Stiftsgymnasiums eine bewegende Informationsveranstaltung zur bevorstehenden Stolpersteinverlegung in Sindelfingen statt. Im Rahmen der Veranstaltung stellte Herr Zecha vom Kulturamt Sindelfingen die Einzelschicksale von Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft vor – darunter auch die beiden von Karl Keinath und Wilhelm Brendle, für die unsere Schule künftig eine Patenschaft übernimmt.
Diese Stolpersteine werden verlegt, um an Menschen vor Ort zu erinnern, die von den Nationalsozialisten verfolgt, deportiert oder ermordet wurden. Viele dieser Schicksale wurden erst durch private Recherchen oder schulische Projekte ans Licht gebracht und erinnern uns daran, dass es bei Geschichte auch um das Leben einzelner Menschen geht.
Anwesend waren neben Lehrer*innen auch die SMV sowie etwa fünf interessierte Schüler*innen aus allen Klassen. Hintergrund ist, dass das Projekt auf eine möglichst breite Basis gestellt werden und langfristig wirken soll.
Karl Keinath steht exemplarisch für den Mut und das Leiden jener, die sich dem NS-Regime widersetzten.
Der Mitarbeiter bei Daimler war aktives Mitglied der KPD und politischer Gegner der Nationalsozialisten. 1935 wurde er verhaftet: Zunächst war er auf dem Heuberg inhaftiert, wurde dann aber direkt vom Gefängnis Welzheim aus ins KZ-Flossenbürg gebracht, wo er im April 1942 starb.

Auch seine Frau Emma wurde mehrfach verhaftet und ihre drei Söhne zunächst in Pflegefamilien gegeben. Später lebten sie in einem Erziehungsheim, da man sicherstellen wollte, dass sie nicht im kommunistischen, sondern im nationalsozialistischen Sinne erzogen wurden. Die Familie wurde systematisch zerrissen – ein tragisches Beispiel für die gnadenlose Verfolgung Andersdenkender zur Zeit des Nationalsozialismus.
Wilhelm Brendle kam 1919 nach Sindelfingen und schloss sich wie Herr Keinath der KPD an. Er wurde mehrmals inhaftiert und schließlich 1935 wegen Hochverrats angeklagt und zu zweieinhalb Jahren Haft auf dem Heuberg verurteilt. Daraufhin kam er in das Konzentrationslager Mauthausen. Noch kurz vor seinem Tod äußerte er die Hoffnung, bald nach Hause zurückkehren zu dürfen – doch er starb am 25. Januar 1940 im Lager.
Als offizielle Todesursache wurde bei beiden Herzschwäche angegeben. Doch angesichts der Haftbedingungen lässt sich daran zweifeln.


Das Publikum im vollbesetzten VHS-Saal hörte aufmerksam und zum Teil regelrecht gebannt zu.
Auch an Helmut Ullmann, einen der wenigen jüdischen Überlebenden Sindelfingens, wurde erinnert. Er konnte 1939 mit einem Kindertransport zusammen mit seiner zehnjährigen Schwester Edith nach England fliehen, während seine Familie in Konzentrationslagern ermordet wurde. Ullmann besuchte später mehrfach Schulen und sprach dort über seine Erfahrungen. Seine Worte bleiben in Erinnerung: „Ich kann vergeben, aber nicht vergessen.“
Am Ende der Veranstaltung gab es eine Fragerunde. Dabei wurde deutlich, dass in der 8000 Einwohner zählenden Kleinstadt Sindelfingen insgesamt etwa 40 Menschen Opfer des NS-Regimes wurden. Dazu zählen unter anderem zwei Zeugen Jehovas, die aus religiösen Gründen den Kriegsdienst verweigerten, 17 Angehörige der Sinti Familie Reinhard sowie 13 Menschen, die der nationalsozialistischen Euthanasie zum Opfer fielen. Für sie und weitere Betroffene sind zusätzliche Stolpersteinverlegungen in Planung, um ihr Schicksal öffentlich sichtbar zu machen.
Ein weiteres Thema, das in diesem Zusammenhang angesprochen wurde, war das Schicksal der rund 3000 Zwangsarbeiter, die während des Zweiten Weltkriegs bei Daimler eingesetzt waren. Besonders hart betroffen waren die sogenannten „Ostarbeiter“, deren Lebens- und Arbeitsbedingungen deutlich schlechter waren als die anderer Zwangsarbeitergruppen, etwa der Kriegsgefangenen aus westeuropäischen Ländern.

Im Rahmen der Patenschaft übernimmt das Stiftsgymnasium eine symbolische Verantwortung: Die zwei Stolpersteine sollen regelmäßig gereinigt werden. Am Holocaust-Gedenktag, dem 27. Januar, ist eine Beteiligung an der städtischen Gedenkveranstaltung geplant, etwa durch einen Musik- oder Textbeitrag. So wird das Erinnern auch im schulischen Alltag wachgehalten.
Die Informationsveranstaltung hat gezeigt, wie wichtig es ist, Erinnerung lebendig zu halten. Mit der Übernahme der Patenschaft für die Stolpersteine setzt unsere Schule ein Zeichen gegen das Vergessen und für eine kritische Auseinandersetzung mit unserer Geschichte – weil Zivilcourage und Menschlichkeit heute genauso wichtig sind wie damals.
Ein großes Dankeschön an Frau Berenbold, die das Thema mit viel Herzblut ans Stifts geholt und den Anstoß für unsere Beteiligung gegeben hat.
Text: Marvin Proß (J1)
Bilder: Selina Holl
