Am 6. Februar 2026 jährte sich das verheerende Erdbeben in der Türkei und in Syrien zum dritten Mal. Auch unsere erste Reise in die betroffene Region liegt nun genau drei Jahre zurück. Was damals mit spontanen Spendenaktionen begann, ist für unsere Schulgemeinschaft zu einer bleibenden Verbindung geworden. Viele Bilder, Begegnungen und Eindrücke sind bis heute präsent. Deshalb möchten wir zurückblicken: auf unmittelbare Hilfsbereitschaft, auf bewegende Begegnungen vor Ort und auf eine Solidarität, die weit über die ersten Tage nach der Katastrophe hinaus gewachsen ist.
Unmittelbar nach dem Erdbeben engagierten sich die Schüler*innen des Stiftsgymnasiums in vielfältiger Weise. In den Tagen nach der Katastrophe organisierten sie zahlreiche Kuchenverkäufe, bei denen Spenden für die Betroffenen gesammelt wurden. Aus diesem Engagement heraus fiel die Entscheidung, eine Schule in einer vom Erdbeben betroffenen Region gezielt zu unterstützen. So entstand der Kontakt zu einer Schule in Pınarbaşı, deren Umfeld stark von den Folgen des Erdbebens betroffen war.
Im Rahmen einer Reise in die Region fuhren wir zunächst nach Pınarbaşı und spontan auch nach Pazarcık, um Unterstützung zu überbringen und den persönlichen Austausch zu ermöglichen. Ziel war es, Hilfe direkt weiterzugeben, Begegnungen zu ermöglichen und ein besseres Verständnis für die Situation vor Ort zu gewinnen.
Nach der Rückkehr wurde das Engagement konsequent fortgesetzt. Bei einem Benefizabend mit dem Comedian Özcan Cosar verbanden sich Humor, persönliche Eindrücke und gesellschaftliches Engagement. Die gut besuchte Veranstaltung trug dazu bei, weitere Spenden zu sammeln und die Unterstützung für die Betroffenen fortzuführen.
Eine weitere gut besuchte Benefizveranstaltung war eine Lesung. Bereits vor Beginn der Lesung wurde ein Videocall mit Personen aus Pınarbaşı durchgeführt. Dabei hatten unsere Schüler*innen die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Die Gesprächspartner*innen vor Ort berichteten, dass es vielen Kindern weiterhin nicht gut gehe, insbesondere im Hinblick auf die mentale Gesundheit. Zudem dauerten die Aufräumarbeiten noch an, und die Verwüstungen seien weiterhin sichtbar. Sie bedankten sich ausdrücklich bei den Schüler*innen, den Eltern, dem Kollegium sowie der Schulleitung für die anhaltende Unterstützung und Solidarität. Begleitet wurde die Lesung von Kuchen- und Getränkeverkäufen der Schüler*innen. Besonders beeindruckend war dabei die große Hilfsbereitschaft: Im Vorfeld hatten vier Eltern zugesagt, jeweils einen Kuchen mitzubringen. Am Abend der Veranstaltung zeigte sich jedoch eindrucksvoll die Solidarität innerhalb der Schulgemeinschaft – über 30 selbst gebackene Kuchen und Spezialitäten kamen zusammen und leisteten einen wichtigen Beitrag zum Spendenergebnis. Zudem gab es größere Geldspenden von Freund*innen und Schulangehörigen. Auch Bürgermeister beteiligten sich mit Spenden.
Ritter Sport spendete mehr als 700 Tafeln Schokolade. Darüber hinaus kauften wir weitere Tafeln und verzierten sie mit Bildern, die unsere Stifts-Schüler*innen mit guten Wünschen für die Schüler*innen in der Türkei gestaltet hatten.






Mit über 30 Kilogramm Schokolade im Gepäck ging es ein weiteres Mal in die Region, um die Unterstützung persönlich zu überbringen. Besonders dankbar waren wir für das Entgegenkommen von Mitarbeitenden der Fluggesellschaft, die beim Übergepäck unterstützten, sowie von Personen an der Grenze, die den Transport wohlwollend begleiteten.
Bei dieser weiteren Reise trafen wir erneut İnan, unseren Lehrerkollegen vor Ort, dem es ein großes Anliegen war, möglichst allen Kindern eine Freude zu machen. Gemeinsam besuchten wir zunächst seine Schule und – auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin – auch Nachbarschulen, um die Schokolade mit den gestalteten Bildern zu verteilen. Dabei achteten wir bewusst darauf, auch Schüler*innen zu erreichen, die zu diesem Zeitpunkt keinen regulären Unterricht hatten, damit kein Kind ausgeschlossen wurde. Die Kolleg*innen und Schulleitungen empfingen uns herzlich, und die Freude der Kinder war deutlich spürbar.






Im Anschluss besuchten wir besonders bedürftige Familien. Dabei wurden die weiterhin schwierigen Lebensumstände sichtbar: In einigen Fällen waren Ställe zu Wohnräumen umgebaut, andere Familien lebten in Rohbauten ohne Putz, mit frei liegenden Ziegelsteinen und offen verlegten Kabeln. Bewegend war die Begegnung mit einer Frau, die wir dabei beobachteten, wie sie eigenhändig Ziegelsteine an einem Rohbau verlegte, um sich Schritt für Schritt ein neues Zuhause aufzubauen.






Bereits in Deutschland war in Gesprächen der Wunsch entstanden, einen kleinen Teil der Spenden langfristig für die Unterstützung einer Studentin während ihres Studiums durch ein kleines monatliches Stipendium einzusetzen. Nach Rücksprache mit İnan griffen wir diese Idee vor Ort erneut auf. Gemeinsam fuhren wir zu einer Familie, deren 21-jährige Tochter an einer Universität Medizin studiert. Bei diesem Besuch konnte der persönliche Kontakt zur Studentin hergestellt und über eine mögliche Unterstützung gesprochen werden. Im weiteren Austausch mit İnan vor Ort wurde ausgelotet, ob ein Teil der Spenden auch in eine besonders stark zerstörte Region weitergegeben werden sollte. Die Entscheidung fiel darauf, eine Schule in der Region Hatay aufzusuchen.






Unterwegs führte der Weg noch einmal nach Pazarcık, um Familien mit ihren Kindern aufzusuchen, die wir bereits bei der ersten Reise kennengelernt hatten, damals jedoch noch nicht unterstützen konnten. Dies beschäftigte uns sehr. Die erneute Suche nahm viel Zeit in Anspruch, doch schließlich gelang es uns, die Familien wiederzufinden.
Auf dem Weg nach Hatay wurde das Ausmaß der Zerstörung erst in seiner ganzen Dimension sichtbar: Über viele hundert Kilometer hinweg prägten zerstörte Gebäude, anhaltende Aufräumarbeiten, Containerstädte und Zeltlager das Bild. Je näher wir dem Ziel kamen, desto staubiger wurde die Luft. In Hatay selbst zeigte sich eine unübersichtliche Situation. Schulen in klassischen Schulgebäuden konnten nicht mehr gefunden werden, da viele von ihnen nicht mehr existierten. Unterricht fand stattdessen in Containerstädten statt. In einer dieser Anlagen besuchten wir eine kleine Schule, wo wir bereits früh am Morgen herzlich empfangen wurden und mit der Schulleitung ins Gespräch kamen. Das Kollegium lud uns ein, gemeinsam das selbst gekochte Essen zu teilen. Im Anschluss übergaben wir die restliche Schokolade sowie die verbliebenen Spendengelder, die klassenweise in Umschlägen verteilt wurden. Der Rektor erläuterte, dass in Abstimmung mit weiteren schulischen Gremien der konkrete Bedarf ermittelt werde, um bedürftige Schüler*innen gezielt zu unterstützen und ihnen die jeweils notwendigen Materialien zur Verfügung zu stellen. Zum Abschluss setzten wir uns dafür ein, dass alle Schüler*innen zusätzlich ein Eis erhalten sollten, um ihnen neben der materiellen Unterstützung auch einen Moment der Freude zu schenken. Diesen Moment haben wir später in Form eines Fotos erhalten. Er zeigte, dass – wie bereits bei unserer ersten Reise – Kinder überall Kinder sind.





Auch drei Jahre nach dem Erdbeben lassen uns die Bilder nicht los. Viele Momente haben sich tief eingeprägt. Trotz sprachlicher Barrieren waren die Gefühle der Menschen unmittelbar spürbar – Trauer, Hoffnung, Dankbarkeit. Die Begegnungen zeigten, wie nah sich Menschen sein können, selbst wenn sie geografisch weit voneinander entfernt leben.
Besonders berührend war die große Hilfsbereitschaft und Solidarität, die uns überall begegnete. Aus anfänglicher Hilfe ist ein bleibender Bezug zu dieser Region entstanden. Neben schmerzhaften und traurigen Begegnungen erlebten wir immer wieder Herzlichkeit, Wärme und Menschlichkeit.



An dieser Stelle gilt unser Dank vor allem den Schüler*innen, deren Mitgefühl, Ausdauer und Einsatz dieses Engagement getragen und lebendig gehalten haben. Sie haben gebacken, verkauft, organisiert und Verantwortung übernommen. Ebenso danken wir den ehemaligen Schüler*innen, die ihre Verbundenheit zur Schule durch tatkräftige Unterstützung gezeigt haben.
Unser Dank gilt auch den Eltern und den Freund*innen der Schule, die durch Spenden, Mithilfe und organisatorische Unterstützung wesentlich zum Gelingen beigetragen haben.
Wir danken dem Kollegium und den ehemaligen Kolleg*innen, die das Projekt von Beginn an begleitet, beraten und unterstützt haben.
Von Herzen danken wir unseren Kontaktpersonen vor Ort – den Rektor*innen, Lehrerkolleg*innen sowie den Schüler*innen und Menschen in der Region –, die uns mit Offenheit begegnet sind und uns mal ein Lächeln, mal eine Träne ins Gesicht gezaubert haben. Wir danken Rektor Duran, der den Kontakt hergestellt und viele Begegnungen ermöglicht hat. Ein ganz besonderer Dank gilt Metin sowie İnan und seiner Familie, die uns mit außergewöhnlicher Herzlichkeit empfangen und uns mit großem persönlichem Einsatz begleitet haben.
Wir danken zudem dem Unternehmen Ritter Sport für die großzügige Unterstützung sowie Özcan Cosar, der mit einer Benefizveranstaltung unser Anliegen sichtbar gemacht und weitere Hilfe ermöglicht hat.
Und schließlich danken wir all jenen Menschen außerhalb der Schule und unterwegs, denen wir begegnet sind und deren Solidarität wir in Form von wohlwollendem und stillem Entgegenkommen erfahren durften.
Die Solidarität unserer Schule endet nicht mit der Reise: Sie lebt weiter – auch in der kleinen, aber kontinuierlichen Unterstützung der Studentin, die Hoffnung und Perspektive bedeutet.
Text: Deniz Tekin, Michelle Fischer
Bilder: Deniz Tekin, Google Earth
